Eines Tages wurde mir eine wunderschöne und aufwendig gestaltete Karte überreicht: <<Ich würde mich sehr freuen, wenn du Zeit hättest, zu meiner Hochzeit zu kommen>>, waren die begleitenden Worte.
Ich sagte natürlich zu, sie war immerhin meine rechte Hand und ein total liebes und nettes Mädel obendrein - dem zukünftigen Ehemann konnte man nur gratulieren -, war aber total überrascht und schaute mir erstmal die Karte an. Da lugte aus dem Innern, ganz geschickt durch einen Schlitz des Deckblatts gefädelt, eine zweite Karte einen Zipfel weit heraus. Diese war quasi die Eintrittskarte für das Restaurant in dem die Feier stattfinden sollte. Ah! - es war also die Einladung zur Hochzeits-Party, die eigentliche Hochzeit fand nämlich im "Kreis der Familie" statt, wie das Karteninnere enthüllte. In weiser Voraussicht war alles noch 'mal auf einem halbtransparenten Blatt, das über den vietnamesischen Text gelegt war, auf Deutsch beschrieben, und so musste ich nicht zuviele dumme Fragen stellen. Jetzt erinnerte ich mich auch wieder daran, in einem Buch gelesen zu haben, daß vietnamesische Hochzeiten sehr aufwendig sind und das Brautpaar lieber mittellos in die gemeinsame Zukunft startet, also auch nur einen Gast aus "Geiz" nicht eingeladen zu haben.
Wahrlich, ein ganz besonderer Tag im Leben der Brautleute.
Zu einer Hochzeit muss man natürlich ein Geschenk mitbringen, das wird auch in Vietnam nicht anders sein. Da lag ich schon richtig, aber wie und was? Also doch "dumme Fragen" stellen. <<Ob es denn einen von den Brautleuten zusammengestellten Katalog wünschenswerter Sachen gäbe?>> - wo die Vietnamesen so pragmatisch sind, würde diese deutsche "Unart" eigentlich gut passen. <<Ne, so etwas gibt es nicht, aber über ein deutsches Buch würde ich mich sehr freuen>>, war die Antwort. Prima, da wäre das Problem ja gelöst, glücklicherweise hatte ich ja ein paar Bücher mitgebracht und mir kam auch gleich eines in den Sinn, das ihr gefallen könnte.
Um 17:30 Uhr stand auf der Einladung wäre die Party im Restaurant Sinh Doi in der Ly Thai Jo. Die Bemerkung, daß das für eine Party aber früh wäre, konnte ich mir dann glücklicherweise nicht verkneifen, denn es stellte sich heraus, daß um die Zeit garantiert noch niemand da wäre - ich solle frühestens eine Stunde später kommen, sonst würde ich nur alleine rumsitzen! Das wäre typisch vietnamesisch, wurde mir erklärt...
Als ich dann voller Erwartung, mein Büchlein unterm Arm, zu empfohlener Stunde am Restaurant auftauchte, wußte ich im ersten Moment vor lauter Brautpaaren und Hochzeitsgästen nicht, wo hin. Das Restaurant, auf diese Art von Empfängen spezialisiert, hat mehrere große Säle in zwei Stockwerken und heute fanden dort gleich vier Hochzeitsfeiern statt.
Zur Orientierung waren im Foyer große rote Tafeln aufgestellt, eine für jede Party, auf denen in goldenen Buchstaben die Namen der Brautleute und die Nummer des Saales geschrieben stand. Also hinauf in den ersten Stock.
Dort stand an der Tür das Brautpaar bereit, um die Gäste zu begrüßen; besonders eilig, auf sie zu zu gehen, hatte es aber anscheinend niemand. Viele Gäste waren noch im Vorraum in einen "Small-Talk" vertieft. Zudem gab es vorher noch etwas Wichtiges zu tun: sich namentlich verewigen und sein Geschenk abliefern. Dafür gab es einen Tisch, der vor dem Eingang aufgebaut und von zwei Mädchen behütet wurde. Auf ihm war ein großes, rotes Blatt Papier ausgelegt, in dessen Zentrum ein Symbol und der Namen der Brautleute sowie der Anlass golden aufgedruckt war. Recht förmlich wurde mir ein goldener Stift überreicht und hilfreicherweise ein freier Platz im Gewirr der schon getätigten Unterschriften gezeigt. Am Rand des Tisches waren einige Geschenkpakete aufgetürmt, aber eigentlich viel zu wenige, denn der Saal war trotz der noch draußen wartenden Gäste schon reichlich gefüllt, somit hätte der Tisch vor Geschenken überlaufen müssen. Ein anderer Ablageplatz war auch nicht zu sehen, einzig ein teilweise durchsichtiger Kasten, mit einem Schlitz im Deckel und gefüllt mit Briefen, stand da noch. Eine Gruppe der Gäste "verewigte" sich gerade und steckte dann recht belanglos, wie nebenher, einen Brief in den Schlitz. Klar, deswegen brauchte es auch keine Wunschliste, fast jeder gab Geld zur Hochzeit - eben doch pragmatisch. Wie ich später erfuhr, unterliegt das aber festen Regeln, ähnlich kompliziert wie die Art der direkten Anrede - ein einfaches "Du" oder förmlicheres "Sie" reicht auch in Vietnam nicht aus, vielmehr muss man sich, wie so oft in Asien, einem wahren Ständegeflecht, das sich aus einer Kombination von Alter, Verwandtschaftsgrad, Ehestand, Einfluss und Vermögen zusammensetzt, bewusst sein, um die angemessene Anrede zu finden. Für so einen ungebildeten Ausländer wie mich reicht aber auch ein höfliches "xin ciao" (Guten Tag) - oder eben ein deutsches Buch.
So, jetzt aber hinein, außerdem war ich neugierig, den glücklich zu schätzenden Bräutigam kennen zu lernen. Die Brauteltern standen auch gerade bei den Beiden, es gab ein großes Händeschütteln und Beglückwünschen und dann durfte man sich einen freien Platz in dem großen Saal suchen. Das war jedoch nicht weiter schwierig, denn einige Arbeitskollegen hatten schon ein paar Tische belegt und für "das Management" hatte man extra einen davon freigehalten.
Kaum saß man, kam eine Schar von Kellnerinnen, um die Gläser zu füllen. Sie blieben auch gleich bei einem stehen, denn jetzt prostete man sich erstmal zu und so mußten die Gläser schnell wieder gefüllt werden. Sorge, daß man vor einem leeren Glas sitzen könnte, mußte man zu keinem Moment haben. Eher schon, daß einem andauernd Eis in's Bier geworfen wurde. Dieses wurde zwar auf Aufforderung auch wieder aus dem Glas gefischt und in den Eiskübel, mit dem diese Kellnerin herumlief, befördert, aber da andere Gäste nicht nur den Bringservice in Anspruch nahmen, sondern, sobald ihnen das Bier kalt genug war, auch gerne den Abholservice, verzichtete ich lieber auf diese Form der Bierkühlung.
Dann reihten sich plötzlich alle Kellner und Kellnerinnen links und rechts der Bühne, auf deren Größe jede Vorstadtband bei ihren Auftritten stolz wäre, auf - Licht aus, Spot an, die Show konnte beginnen!
Zuerst tanzten, unter dem Beifall der Bediensteten und der Gäste, zwei als Comic-Figuren verkleidete Schauspieler den Gang zur Bühne entlang und wieder zurück, den Weg für das Brautpaar und die Brauteltern bereitend. Die Braut schritt, vom Scheinwerferlicht beleuchtet, mit gesenktem Haupt neben ihrem Ehemann, die Eltern folgten in einigem Abstand, gemeinsam betraten sie die Bühne. Beide Väter hielten eine Rede, natürlich hatte der Vater des Bräutigams zuerst die Ehre. Untermalt wurde das Ganze von den Einlagen zweier Conférenciers, die dann dem Brautpaar roten Sekt zum Einfüllen in eine Pyramide aus glitzernden Sektschalen reichten. Unter dem Applaus der Gäste wurde die oberste Schale zum schäumenden Überlauf gebracht, so das sich der Sekt auch in die darunter liegenden Gläser ergoß. Die Hochzeiter verließen die Bühne und machten Platz für Tänzerinnen im karibischen Baströckchen, die ihre spärlich aber sittsam bekleideten Körper zu südamerikanischen Salsaklängen, gespielt von einer Band vietnamesischer Musiker, schwangen - wahrlich "multikulti".
Dann wurde der erste Gang des Menüs aufgetischt, frittierte Shrimps und Krabbenchips, Salat und verschiedene Soßen. Während dessen spielte die Band und eine Sängerin gab vietnamesische und internationale Weisen zum Besten. Die Gäste liefen von Tisch zu Tisch, man prostete sich zu, tanzte vor der Bühne, ab und an sang einer von ihnen anstelle der Sängerin (Karaoke ist "Volkssport" in Vietnam), und jeder, der solcherart seine Sangeskunst unter Beweis stellte, wurde mit einem Präsent beglückt. Ein Kameramann konservierte alles für die Nachwelt, das plötzliche Aufleuchten seiner Filmleuchte hat mich des öfteren blinzeln lassen.
Zwischendrin wurden die nächsten Gänge aufgefahren, Suppe mit Krebs, fettes Schweinefleisch mit Pilzen, Entenbrust, natürlich immer zusammen mit Reis, Hot-Pot mit Nudeln und Gemüse und weiterhin Bier bis zum Abwinken. Das Brautpaar und die Eltern gingen von Tisch zu Tisch, der Bräutigam stieß mit jedem an - bei mehr als dreihundert Gästen braucht es dazu einiges Standvermögen -, mit jeder Gruppe wurden Fotos gemacht und ein kleines Gespräch geführt.
Einer der Höhepunkte war dann noch, als das Brautpaar zu "You're my love", ganz hervorragend vorgetragen von einem Arbeitskollegen, ein guter Freund der Braut, engumschlungen und unter tosendem Beifall auf der Bühne tanzte.
Bald darauf wurde der Nachtisch serviert, Kuchen und Tee, und die Gesellschaft löste sich langsam auf; das Brautpaar stand wieder an der Tür und verabschiedete sich bei jedem der die Party verlassenden Gäste.
Vollgefuttert und leicht angetrunken fiel ich müde in mein Bett, und konnte doch, von der Mischung aus Förmlichkeit der Einladenden und Ungezwungenheit der Gäste überrascht und von den vielen neuen Sinneseindrücken überwältigt, nicht gleich einschlafen. Wie es wohl dem Brautpaar nach diesem Mammuttag in ihrer Hochzeitsnacht erging?
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