Mein lieber Schwan, hier wird geackert - stellte sich mir das in anderen süd-ost-asiatischen Ländern, trotz der herrschenden Armut weiter Bevölkerungsteile und der damit verbundenen körperlichen Arbeit, als eine der wenigen Möglichkeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen, nicht sehr offensichtlich dar, so wurde es mir hier deutlich vor Augen geführt. Wohlgemerkt, nicht die Armut, die ist in ganz SO-Asien Begleiter, sondern der Wille, zu arbeiten, zu schuften und ranzuklotzen.
Zum ersten Mal ist es mir aufgefallen, als ich auf dem Landweg von Kambodscha nach Vietnam reiste. Kurz nach Phnom Penh hatte es nicht nur mit halbwegs annehmbaren Strassen ein Ende, sondern auch mit sichtbarer Arbeit. Die Felder präsentierten sich fast menschenleer, in den trostlosen, ärmlichen Straßendörfern herrschte geruhsames Leben, soweit man dies während der Durchfahrt eben wahrnehmen konnte. Kurz nach der Grenze zu Vietnam änderte sich das schlagartig. Die Felder schienen grüner und gepflegter, viele Häuser waren aus Stein und nicht aus Holz und Stroh, es gab Weiher, in denen Gänse oder Enten schwammen. Kurzum, hier schien man aus dem was man hatte, etwas machen zu wollen. Je näher Saigon kam, umso mehr verstärkte sich der Eindruck. Zwar wichen die Felder mehr und mehr Fabriken oder mehrstöckigen Häuserreihen, aber der Eindruck von Betriebsamkeit blieb. Es kann nicht allein daran gelegen haben, daß es schon Abend war, die letzten Sonnenstrahlen die Temperaturen nicht mehr zusätzlich aufheizten und man erst jetzt aktiv wurde, während man tagsüber nur der Hitze entfloh - nein, da war mehr.

Immer wieder schwere und schwerste körperliche Arbeit, Arbeit mit primitivsten Hilfsmitteln, Arbeit unter einfachsten Gegebenheiten. Eisen wurde mit einer Zange gerade gebogen, vorher der Beton vom angelieferten Bauschutt abgeklopft. Die Spritzpistole in der einen, das Schutzblech in der anderen Hand, wurde auf der Straße stehend lackiert. Farbige Plastikplatten wurden solange geschnitten, gefeilt, gebogen und zusammengeklebt, bis das neue Rücklicht entstanden war. Alles unter sengender Sonne oder bei strömenden Regen. Und alles zu einem Wochenlohn, den selbst ein "Cheap Charlie" leicht an einem Tag ausgibt.

Was hier zählt ist Geld, je mehr, je besser, und das muß beigeschafft werden. <<Hello>>, <<Shoeshine, Sir>>, <<You buy from me>>, <<You, you>>, irgendwie muß die Aufmerksamkeit dieser wandelnden Geldbörse doch zu erheischen sein! Erst mal in ein Gespräch verwickeln, erst mal rein in den Laden, irgendwas wird man "ihr" dann schon andrehen können. Glücklicherweise konzentrierte sich dies auf die Touristenschwerpunkte, sonst hätte man hier nur mit geschlossen Augen und Sinnen (über)leben können, ohne durchzudrehen. Und glücklicherweise "kannte man sich" nach ein paar Tagen und so konnte man recht schnell davon verschont bleiben - wenn man nie auch nur den kleinen Finger reichte; wenn nicht gerade die ganze Hand genommen wurde, so ward doch der Finger auch nicht mehr losgelassen. Ein Kollege hatte einmal einen Schuhputzer zum Essen eingeladen, was dieser als Aufforderung sah, sich jedes Mal zu ihm zu setzen, wenn er ihn in einem Restaurant erspähte; die Abgebrühtheit, den Schuhputzer "rauszuschmeißen", hatte wiederum mein Kollege nicht, also floh er zukünftig vor ihm, setzte sich in Restaurants in die dunkelste Ecke, hinter Säulen, bevorzugte Kneipen im ersten Stock...

Da war mir die Frau des kleinen Street-Coffee-Shops neben der Firma lieber. Ein kleiner, schmaler Schrank diente ihr zur Aufbewahrung aller notwendigen Utensilien, seine Oberfläche als Theke, kleine Hocker und niedrige Tische ergänzten die Ladeneinrichtung. Die nächste Toreinfahrt bot Schutz vor plötzlichem Regen, die Schatten der Häuser Schutz vor Sonne.
In einem wasserdichten Textilsack, ähnlich einem kleinen Campingbeutel, wurde Eis auf einem Holzblock, der dazu zwischen den Füßen des Schrankes an einem eingeschlagenen und zum Griff umgebogenen Nagel hervor gezogen wurde, mit einem hölzernen Schlegel zerkleinert. Das Eis selbst wurde in großen Blöcken in einer Kühlbox aufbewahrt. Der schon gebrühte Kaffee wurde aus einer Plastikflasche, die ihr Leben einst als Wasserflasche begann, in ein Glas, voll mit zerschlagenem Eis, gefüllt. Milch (für mich bitte "Gafe Da", also ohne Milch) und Zucker dazu, umrühren und in einen Plastikbeutel füllen. Nochmals etwas zerstoßenes Eis ins Glas und kräftig rühren, so wird kein Rest verschwendet und das Glas gesäubert, und ab damit in den Beutel. Strohhalm rein, Gummi drum - zwei Minuten nach der Bestellung bekam man sein Getränk. Bei willkommenen Großbestellungen war etwas mehr Hektik angesagt, evtl. fehlende Kleinigkeiten, mochten es Eis, Milch, Plastiktüten oder ähnliches sein, wurden irgendwo auf der anderen Straßenseite vom Mann besorgt, sofern er nicht gerade als Moped-Taxifahrer einen Kunden chauffierte. Alles schien obendrein legal, so einen Schrank konnte man im Falle eines Falles gar nicht schnell genug vor der Polizei verstecken.

Verstecken, das sonst übliche Spiel der unzähligen, illegalen "Verkaufsstände" entlang befahrener Straßen. Ein ausgebreitetes Tuch auf dem Boden, ein hochkant gestellter Ziegelstein, ein geöffneter Koffer, die ausgestreckte Hand - es gab viele Arten möglichen Kunden die Ware zu offerieren. Die spiegelnde Fläche einer alten CD diente nachts als Leuchtreklame des dann meist zensierten oder gestohlenen Angebots. War die Polizei im Anmarsch, wurde, rechtzeitig gewarnt durch Schmiere stehende Kinder, alles zusammengepackt und unbeteiligt tuend, als normaler Fußgänger getarnt, die Straße entlang geschlendert, notfalls weggerannt, im nächsten Gassengewirr verkrümelt. Hier scherte man sich nur um sich selbst und die Familie, folgte seinen eigenen Regeln und lies sich von Gesetzen nicht stören, irgendeinen Ausweg fand man immer.

Tische und Stühle der Kneipen entlang der Straße wurden über den, den Bürgersteig in "öffentlich" und "privat" trennenden, Strich hinaus gestellt. Was die Polizei auch nur vor Festen und Feiertagen störte - dann wurden zur Aufbesserung der finanziellen Lage überraschende Kontrollen gestartet. War der Kneipier und seine Angestellten nicht schnell genug im Wegräumen, wurde kurzerhand das Mobiliar vom Gehweg auf die Ladefläche des Einsatz-Jeeps gepackt und zur Auslöse auf die Wache gefahren.

Unaufmerksamkeit war hier nicht angebracht - zu groß auch die Flut auf ahnungslose, unbedarfte, aber reiche, Ausländer wartender Taschendiebe und anderer Halunken, von denen es, speziell in den Touristengegenden, wimmelte - Vertrauensseligkeit genauso wenig, Gutgläubigkeit erst recht nicht.

Wiederum einem Arbeitskollegen passierte es, als er in der De Tham an einem Straßenstand ein Sandwich bezahlen wollte, daß ihm eine von hinten über die Schulter schnellende Hand die gezückte Brieftasche entriss und entfloh; einer jungen Vietnamesin wurde während eines Schaufensterbummels das von ihr mit einer Hand am Lenker geschobene neue Fahrrad entrissen; zwei Kerle auf einem Moped provozierten einen Unfall mit der Fahrerin eines Skooters und der Moped-Beifahrer schwang sich sofort auf den auf dem Boden schlitternden Skooter und entschwand zusammen mit seinem Komplizen - alles am helllichten Tag, in belebter Gegend. Und Geschichten dieser und ähnlicher Sorte, privater und geschäftlicher Natur, gibt es zahlreich genug, um eine weitere Webpage oder gar ein ganzes Buch zu füllen.

Besser, man war hellwach.

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